Dienstag, 31. Mai 2016

Hart am Wind

Nun haben wir mit „Arbeiten Gehen“ auf dem Festival "Hart am Wind" gespielt. Es waren sehr schöne Wiederaufnahme-Proben und lustige Vorstellungen mit tollem Applaus. 

Bei dem anschließenden Inszenierungsgespräch mit Fachpublikum, bei dem unsere Dramaturgin Judith Huber und ich dabei waren, haben wir erfahren, daß es doch nicht allen gefallen hat. 
Wir wurden am Anfang sehr genau und auch schön porträtiert von einem der Festivalbeobachter. Er stellte uns die Frage nach den Bedingungen, mit DarstellerInnen mit Handicap zu arbeiten. Dann ging es zum Beispiel noch um die spannende Frage nach dem Verhältnis von Ordnung und Chaos auf der Bühne und andere dramaturgische Aspekte. 

Dann wurde die Diskussion eröffnet und einige Teilnehmer der Runde formulierten ihr Unwohlsein mit dem Stück. Es wurde bemängelt, dass in einer Dialog-Szene ein nicht-Behinderter Darsteller einige Worte eines Darstellers mit Handicap wiederholt hat. Die Zuschauerin hatte den Eindruck, daß die DarstellerInnen mit Handicap in ihrer Schwäche gezeigt würden und dieses Mittel wurde als Beispiel angeführt. Dieser Spieler hätte doch noch so viele andere tolle Ausdrucksweisen, die nicht Sprechen sind, zum Beispiel Körpersprache und Laute. Später wurde noch angeführt, daß die Turning points der Geschichte nur von nicht-behinderten DarstellerInnen eingeleitet wurden. An diesem Punkt der Diskussion war es allerdings schon so weit, daß es albern gewirkt hätte zu entgegnen, daß das rein statistisch nicht stimmt. Auch die Wiederholung von Gesagtem zieht sich durchs Stück und wird auch ganz unabhängig von Handicap oder nicht eingesetzt. Alle DarstellerInnen haben ihren ganz eigenen Wortwitz, der ganz klar eine Stärke ist und den ich niemals unterbinden wollen würde. 

Jemanden auf Laute und Körpersprache zu reduzieren, der sprechen kann und will, der außerdem einen Großteil seiner Texte und die anderer miterfunden hat, ist schlichtweg diskriminierend. 

Die DarstellerInnen von „Arbeiten Gehen“ erlebe ich als sehr starke Künstlerpersönlichkeiten, und ich habe sie besetzt, weil ich sie für tolle Performer halte. Ich erlebe sie weder beim Proben, noch bei den Vorstellungen als schwach. Es gibt ein sehr aufmerksames Miteinander auf der Bühne, wo es beispielsweise auch öfter passiert, daß mir einer der Darsteller mit Handicap elegant auf die Sprünge hilft, wenn ich meinen Text vergessen habe. Dieses sich-Helfen funktioniert in jede Richtung. 

Dann schrammte das Gespräch aber noch ein Thema, das ich für relevant halte, und das ich jetzt mal mit der Frage nach der Authentizität umschreiben würde. Es wurde kritisiert, daß in dem Stück nicht von den Erfahrungen und „Lebensrealitäten der Beteiligten“ erzählt würde. Ob es dabei um die Figuren oder die DarstellerInnen ging, konnte leider nicht geklärt werden. 

Für das Stück "Arbeiten Gehen" wurden die Figuren und Teile der Handlung mit den DarstellerInnen entwickelt. Es stand den DarstellerInnen frei, ihren Figuren einen Aspekt zu geben, der von einem Handicap erzählt. Bei den so entstandenen Figuren spielte das Thema Handicap keine Rolle. Ich will einen Menschen nicht auf ein Thema reduzieren. Es ist ja schließlich auch ein Stück über Arbeit und nicht über Behinderung.
Selbstverständlich finde ich jedoch, daß jeder auf der Bühne etwas mit seinem Körper miterzählt. Jeder in seiner speziellen Beschaffenheit hat etwas durch seine pure Anwesenheit auf der Bühne zu dem Geschehen beizutragen. Das reicht mir dann auch schon an Authentizität und "Lebensrealität". 
Leider endete die Diskussion jedoch an einem Punkt, wo sich noch niemand konkret dazu äußern mochte, wo genau denn die Authentizität fehlt. 
Dabei wäre hier eine weiterführende Diskussion interessant und auch notwendig.
Das zeigt auch der Umgang mit den Interviews, die auf dem Festival-Blog veröffentlicht wurden: Sowohl ich als auch der Darsteller Nikolas Gerlach (im Stück Apollo 13, der Haushaltroboter) wurden von einer Jugend-Redaktion interviewt. Es wurden mir Fragen nach der Arbeit mit Darstellern mit Handicap gestellt. Nikolas Gerlach wurde in seinem Interview gefragt, wie es sei, mit Handicap auf der Bühne zu stehen. Ich finde es wohlgemerkt nicht problematisch, daß eine Jugendlicher diese Frage einem Darsteller mit angeborenem Handicap stellt, aber ich finde es problematisch, dies dann online zu stellen auf den Festival-blog. Auf unseren Wunsch wurde das auch sofort geändert. 
Behinderung, hier im speziellen auf der Bühne, ist ein Feld voller Möglichkeiten von Übertretungen. Und der Umgang damit, sowohl in der künstlerischen Arbeit als auch in den Sehgewohnheiten des Publikum fordert einen Prozess der Sensibilisierung. Wir fordern uns damit selbst, und wir fordern unsere Zuschauer. 
Angemerkt sei hier noch, daß unser Kinderpublikum recht wenig über die Handicaps der DarstellerInnen reden wollte (unabhängig, ob einer der Darsteller mit Handicap anwesend war). In einem Gespräch mit einer dritten Klasse kam die Frage auf, wer wohl eigentlich die Hauptfigur im Stück sei.
Apollo 13 war hier einer der größten Favoriten. Über sein Sprechvermögen wurde kein Wort verloren. 

Charlotte Pfeifer

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